11.04.2008 | 18:26 | (Die Presse)
TORONTO (Bloomberg/go). Die Berichte über die Folgen der
Finanzkrise erwecken manchmal den Eindruck, dass nur Großbanken von
Abschreibungen und Wertberichtigungen betroffen sind.
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(c) AP (Michael Sohn) |
In Wahrheit aber stecken Millionen einfacher Menschen mit ihren
Ersparnissen in diesem Schlamassel. Murray Candlish zum Beispiel.
Der pensionierte Schweinezüchter aus der kanadischen Provinz Alberta hat
350.000 kanadische Dollar (217.000 Euro) in einen Fonds investiert. Der
hatte die tolle Bonitätsnote "AAA" bekommen – so sicher wie das
kanadische Bankensystem, wurde ihm versichert.
Diese bombensicheren Wertpapiere waren "Asset-backed Commercial Papers".
Das sind sehr kurzfristige und hoch verzinste Anleihen. Sie kamen in den
vergangenen Jahren so auf den Markt: Gläubiger, meist Großbanken,
verkauften ihre Forderungen in Bündeln an "Conduits". Das sind
außerbilanzielle Zweckgesellschaften, die ständig "Commercial Papers"
verkaufen, um mit dem dafür lukrierten Kaufpreis neue "Commercial
Papers" zu kaufen.
Das ging so lange gut, wie die Zinsen niedrig und genug Kredite da waren,
um ständig neue "Commercial Papers" in den Markt zu pumpen – an
Kleinanleger wie den Schweinezüchter Candlish.
32 Mrd. Dollar "eingefroren"
Im August (die Kreditkrise im Nachbarland Amerika rollte gerade richtig
an) machten die bombensicheren Wertpapiere "bum". Um Panikverkäufe
abzuwenden, wurden "Commercial Papers" im Wert von 32 Mrd. Dollar
vorübergehend für unverkäuflich erklärt.
Das löste bei Tausenden Kleininvestoren wie Murray Candlish erst Panik
aus. Dann Zorn. Und schließlich eine konzertierte Aktion gegen die
Firmen, die ihnen diese Papiere verkauft hatten.
Am Freitag gab es nach acht Monaten bangen Wartens für 1430 Kleinanleger
Grund zur Erleichterung. Die Börsenmaklerfirma Canaccord gab nach zähem
Ringen nach und willigte ein, diesen Menschen (von der pensionierten
Lehrerin aus Ontario über den Pastor aus Calgary bis zum Schweinezüchter
aus Alberta) ihre Einlagen im Umfang von 138 Mio. Dollar voll
zurückzuzahlen. Dafür stimmen die Kleinanleger der Umschuldung der
"Commercial Papers" über 32 Mrd. Dollar zu.
Sieg der "kleinen Kerle"
Ohne diese Einigung wäre ein wichtiger Teil von Kanadas Anleihenmarkt
völlig zusammengebrochen – und damit auch die milliardenschweren
Investitionen von Großbanken, Pensionsfonds und sonstigen
Investmentfirmen.
"Wir sind die kleinen Kerle gegen die großen Jungs", sagte die
Rechtsanwaltsgehilfin Jill O'Hara aus British Columbia. Sie hat 255.000
Dollar in „Commercial Papers. "Kleinanleger zählen. Die Firmen müssen
für das, was sie verkaufen und wem sie es verkaufen, Verantwortung
übernehmen."
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)
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